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Mobilität und Logistik



            Ein erster Bereich ist die Organisation der Wert-  Ein typischer Anwendungsfall sind Werker-Infor-
            schöpfung im Unternehmens- bzw. Produktions-  mationssysteme, die eine abgestimmte Auswahl
            verbund, die mit den neuen digitalen Techno-  von Informationen (Text, Bild, Video) individuell
            logien mehr Freiheitsgrade erhält. In Echtzeit   am Arbeitsplatz zur Verfügung stellen können.
            werden über Cloud-Lösungen Kundenaufträge,   Diese Systeme senken die Anlernzeiten für
            Kapazitäten, Lagerbestände und Transportauf-  neues Personal sehr stark und reduzieren die
            träge zwischen den beteiligten Partnern abge-  Fehlerrate in den Prozessen durch kontextbezo-
            stimmt, so dass die Reaktionszeiten auf Markt-  gene gezielte Informationen.
            schwankungen drastisch abnehmen. Gleichzeitig
            steigen aber auch die Anforderungen an die   Entscheidungs-Assistenzsysteme helfen den Mit-
            Organisationen und an die Mitarbeiter, die sich   arbeitern in planenden und steuernden Funktio-
            zunehmend mit agilen Methoden des Verände-  nen der Logistik und des Supply-Chain-Manage-
            rungsmanagements beschäftigen müssen.    ments, bei denen die Komplexität der Aufgaben-
                                                     stellung nicht mehr ohne digitale Hilfsmittel zu
            Zweitens ist die Mobilität als Ganzes im Wandel:   bewältigen ist. Typische Anwendungsfälle sind
            Die Veränderungen in den Konzepten der indivi-  die Planung von Logistiknetzwerken bzw. Pro-
            duellen Mobilität sind nicht zu übersehen und for-  duktionsverbünden unter Berücksichtigung aller
            dern insbesondere die Automobilhersteller heraus.   bekannten Restriktionen (Kapazitäten, Kosten,
            Es wird deutlich, dass die Kunden den Fokus ver-  Umweltbelastungen etc.) mit Simulationsver-
            ändern – sie kaufen eine Mobilitätsdienstleistung,   fahren oder die agile Steuerung eines Transport-
            nicht mehr einen eigenen PKW.  Die Automobil-  netzwerkes mit der Möglichkeit einer schnellen
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            hersteller müssen sich auf diesen Trend einstellen   Reaktion auf plötzlich auftretende Störungen.
            und sich vom Produzenten zum Dienstleister wan-
            deln, der den Kunden in jeder Situation ein ge-  Ausführungs-Assistenzsysteme reduzieren die
            eignetes Mobilitätsangebot macht. So wird auch   Belastungen der Mitarbeiter bei der Ausführung
            verständlich, warum die Unternehmen sich stark   der physischen Logistikprozesse. Die demo-
            im Bereich Car-Sharing (Teilen eines Fahrzeugs)   grafische Entwicklung führt dazu, dass das
            und Ride-Sharing (Teilen einer Fahrt) engagieren.   Durchschnittsalter der Belegschaft steigt und
            Digitale Technologien (Internet-Plattformen) und   eine Reduzierung der körperlichen Belastung
            die Verbreitung von Smartphones ermöglichen   der Mitarbeiter stark an Bedeutung gewinnt.
            es dem Kunden, seinen Mobilitätswunsch sehr   Ein aktuelles Beispiel sind sogenannte Exo-
            schnell anzumelden und erlauben dem Dienst-  Skelette, die z. B. beim Heben von Lasten oder
            leister, diesem Wunsch in kurzer Zeit ein Angebot   bei der Überkopf-Arbeit in Montagesituationen
            gegenüberzustellen. In der Tendenz bedeuten   eine große Erleichterung darstellen.
            diese Angebote eine Reduzierung der Attraktivität
            des individuellen Fahrzeugbesitzes und damit eine   3.4   Lean- und Shopfloor-Management
            sinkende Nachfrage nach Fahrzeugen. Über das
            konkrete Ausmaß dieser Entwicklung und deren   Mit der Einführung von Lean Production bzw.
            Wirkung auf die produzierten Stückzahlen besteht   Ganzheitlichen Produktionssystemen (GPS) seit
            in der Fachwelt allerdings keine Einigkeit.  den 1990er Jahren konnten viele Unternehmen
                                                     ihre Prozesse optimieren. Es hat sich herausge-
            3.3   Assistenzsysteme in der Logistik   stellt, dass nur die ganzheitliche Betrachtung der
                                                     Anforderungen von Technik, Organisation und
            Die Anforderungen bei der Planung, der Imple-  Mensch zum Erfolg führt. Vor allem der Mensch
            mentierung und dem Betrieb bzw. der Durch-  wird bisher allerdings nicht angemessen berück-
            führung der logistischen Prozesse steigen   sichtigt. 10
            permanent, so dass sich eine große Nachfrage
            nach assistierenden Systemen ergibt. Je nach   Das Verhalten der Mitarbeiter sollte im Sinne
            Einsatzfeld des Assistenzsystems lassen sich   einer kontinuierlich lernenden Organisation
            drei Arten unterscheiden: 9              verändert werden, da allein die Mitarbeiter die
                                                     Wertschöpfung verrichten. Durch Nutzung der
            –  Wahrnehmungs-Assistenzsysteme         kognitiven Fähigkeiten der Produktionsarbeiter
            –   Entscheidungs-Assistenzsysteme       lässt sich der große Erfolg von schlanken Unter-
            –   Ausführungs-Assistenzsysteme         nehmen begründen, bspw. von Toyota. Im
                                                     Gegensatz zu den sichtbaren Methoden und
            Wahrnehmungs-Assistenzsysteme unterstützen   Werkzeugen eines Produktionssystems liegen
            die Mitarbeiter in der Erkennung der für die   jedoch für Verhaltensweisen keine streng deter-
            Arbeitsschritte notwendigen Informationen.    minierten Wirkzusammenhänge vor.


            8  Vgl. Wagner, H./Kabel, S. (2018)
            9  Vgl. Bengler, K./Lock, C./Teubner, S. et al. (2017)
            10  Vgl. Hultzsch, A./Intra, C./Mielke, T. et al. (2015), S. 131
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